03 | 12 | 2021

   Das hört sich wie Jean Paul, Flegeljahre, wie Adalbert Stifter, Studien, an. Aber mit beiden hat es nichts zu tun. Es ist eine Blume. Und sie hat, diese Blume, die Eigentümlichkeit, nur im Schloßpark von Paretz und dort auch nur immer im Mai zu blühen. Wenigstens behauptet das das kleine Fräulein, das in Paretz "führt", und sie muß es ja schließlich wissen. Denn sie ist ein Paretzer Kind.

   Daß man sie fragt, ergibt sich von selbst. Um nämlich den Park, laut Anschlag, betreten zu dürfen, muß man sich beim Gutsförster melden. So geht man am Schloß vorbei durch den Park, dessen unbefugtes Betreten streng verboten ist, um sich die Erlaubnis dazu zu holen. Und steht auf dem Försterhof, der, rings von Scheunen und Ställen umgeben, so malerisch ist, als wäre er eigens dafür hergerichtet, gemalt zu werden.
   Ein Dorfidyll. Morsches Gemäuer, blühende Bäume, mannshoch das Unkraut, eine Senkgrube mit scharrenden Hühnern, dieser Hühner sind nur zwei, doch ein stolzer Hahn dabei, frei nach Wilhem Busch.

   Auf den Torpfosten Sandsteinengelchen, süß, aber arg ramponiert, hier fehlt ein Ärmchen, dort ein Füßchen, eins trägt g'schamig vor dem kokett lächelnden Gesicht einen Schleier von Spinneweben, süß.

   In der offenen Veranda des Herrn Gutsförsters eine Bank, auf der Bank eine schwarze Katze mit grünen Augen.

   Sonst nichts, kein Mensch, kein Hund. Nur ein Motorrad z.D., das, an das Scheunentor gelehnt, wartet wie wir. Der Kirschbaum regnet weiße Blüten. Die Hühner scharren. Die Katze schnurrt ... ein Idyll.

   Aber dann kommt doch das besagte kleine Fräulein. Ja, es ist hier immer so still wochentags. Nur gestern, Sonntag, war Betrieb. Ja, natürlich könnten wir in den Park. Wir waren schon drin. Sie lacht. Und da soll sie uns nur rasch erst, ehe wir ins Schloß gehen, sagen, was das hier für ulkige Blumen sind ... der ganze Parkboden schimmert silbern, wie bereift, noch nie hätten wir solche Blumen gesehn.

   Sie bückt sich, reißt eine ab, schwanker Stengel, winzige Blättchen, oben baumeln neben noch grünen Knospen zwei entfaltete Blüten, hauchzarte, seidige Sterne aus milchigem Perlmutt ... "Das fragen alle Leute. 'Nickender Milchstern' sagen wir dazu."

   "Nickender Milchstern?"

   "Ja. Und wächst nur hier, nur hier im Park, und nur jetzt, jedes Jahr im Mai, immer nach Regen."

   "Schon immer?"

   Solang sie denken kann. Na, das wäre, mit siebzehn Jahren, nicht weit. Nein. Und dabei wird sie ein bißchen rot ... so was gibt's noch! Aber Vater, und der war doch auch schon immer hier, sagt, schon die Königin Luise hätte sich immer über die Blumen so gefreut.

   Legende also, von Gerneration zu Generation. Denn daß Vater es noch selbst mitgekriegt, daß die Königin Luise sich gefreut, ist ja kaum anzunehmen. An den verschlissenen Gardinen, die da, ganz nah, noch in den Fenstern eines Gartenpavillons hängen, wo Luise sommers, erklärt das kleine Fräulein, die Dörfler empfing, die von der "gnädigen Frau" Rat haben wollten ... an diesen Gardinen kann man ablesen, wie lange es her, daß die Königin sich hier über den Nickenden Milchstern gefreut haben kann.
   Es ist hier, wie dann das Schloß mit seinen stillen, nur von der Erinnerung leis belebten Räumen zeigt, alles lange her, du lieber Gott!
   Das kleine Fräulein plappert altklug, tut, wie sie so die Namen klingen läßt, die alten Stiche und Aquarelle erklärt, auf Möbel und Andenken hinweist, als ob sie jene ferne, tote, unwiederbringliche Zeit miterlebt hätte. Sie hat das alles, die Namen, die Daten, die Anekdoten fein gelernt, es stimmt alles aufs Haar ... nur daß mal einer kommt, der dies alles schon weiß und genau so gut weiß wie sie und hie und da gar noch mehr, das setzt den Blondkopf in nicht geringes Erstaunen.
   Ach ja, das Herz weiß hier Bescheid. Preußische Welt, wortkarg in ihrer verblichenen Anmut, die gleichsam unter Tränen lächelt, und doch Zimmer für Zimmer so beredt in jedem Stuhl, jedem Tisch, jedem Spiegel, jedem Bild, diesen hundert und mehr Andenken und - wie das kleine Fräulein baß verwundert zulernt! - diesem Duft, der wie ein seiner toter Atem jeden Schritt begleitet!
   Nickender Milchstern ...
   Kleine Blume, schwanker Stern, unwirklich fast in deiner schwebenden Anmut, es ist, als wärest du hier von der Natur zum Symbol erhoben für das, was diesem toten Haus, diesem Park einst Leben gab. Aus Luisens und der Kinder Räumen sieht man weithin den Rasen Stern an Stern verschleiert, ein Meer von Silberblüten, zauberhaft bewegt, unzählige Elfenflügel, die sich im Winde regen wie Nebel um den Mond in hellen Nächten.

   Hier stand Luise am Fenster, in der Tür, Maiabend, toller Duft, die Frösche sangen im nahen Teich, von den Wiesen kam verschlafener Laut, ein Kind, das träumte, fernes Hundegebell. Hier schritt sie, schwebend, wie es ihre Art, am Arm des Königs in den Park, und wo sie schritt, da neigten sich die silbernen Sterne. Und noch erbat in der Grotte unter dem Chinesischen Pavillon keine Tafel: "Gedenke der Abgeschiedenen!"
   Noch gedachten hier keiner Toten, wie heute, Kränze aus Immortellen ...
   Nickender Milchstern!

   Ein Menschenalter später. Oben hinter dem Halbrundfenster wohnt eine andere Königin: Elisabeth. Auch dieses Fenster rahmt den Park, zwischen den Wipfeln liegen, Traum durch die Dämmerung, die Uetzer Wiesen, dort läuft der Königsdamm, er läuft nach Potsdam. Und unten schwebt es wie bleiches Licht, wie Mondschein über den Rasen: denn wieder ist Mai, wieder blüht geheimnisvoll die seltsame Blume, die sie hierzulande Nickender Milchstern nennen, Stern an Stern, ein Meer von Sternen.
   Die Blume von Paretz ... "Kleines Fräulein, ist das auch gewißlich wahr?" Das kleine Fräulein nickt beteuernd: "Wir wissen es nicht anders!"
   Von der Wand, der geblümten Tapete lächeln zwei weiße Medaillons: Elisabeth und Friedrich Wilhelm IV., die toten Bildchen beschwören Vision, man sieht auch sie, wie sie Hand in Hand durch den Garten schlendern, der König erzählt. Er erzählt von Kindertagen und den Kanönchen unten im Gartensaal und wie sie mit der Mutter aus kolorierten Kupfern den kunterbunten Paravent zusammengeklebt. Elisabeth denkt an die Heimat, wo jetzt blau der Enzian blüht. Der König bückt sich. "Unser Enzian, nickender Milchstern, hier!"
   Und wie Luise, die Verewigte, um die hier in Paretz auf Weg und Steg ein leises Weinen geht, horcht nur mal in die Stille ... und wie Luise steckt Elisabeth die blasse silberne Blume behutsam sich an die Brust, Schmuck so zart, so zerbrechlich, wie nie ihn Menschenhand und Menschenkunst geformt.
   So gehen sie miteinander in den Abend.

   Nickender Milchstern ...

   Wunderlicher Name. Seltsames Gewächs. Da dachte man Paretz zu kennen, das man so oft nun schon besucht, und da kommt man an einem Maitag hin, betritt den Park, den verbotenen, und das erste, was man sieht, hat man noch nie gesehen: das wiegt sich, das biegt sich, unzählige winzige Flügel aus Spinngeweb und Himmelstau, Elfen, die am hellen Tag tanzen.
   Und sind nur Blumen, die rasch vergeh'n, der Mai ist kurz. Aber Erinnerung wird sie in ihr Herbarium tun, dort werden sie immer blühn, Kranz um das Bild von Paretz.1

  • NickenderMilchstern1Ein Meer Nickender Milchstern

Merkwürdigkeit, Zufall, Deutung. Es wird niemand mehr sagen können, wer den Nickender Milchstern wohin gebracht hat.

[1] Ludwig Sternaux, "Nickender Milchstern" in Potsdamer Pastelle, Verlag von A. W. Hahn's Erben, Berlin SW 68, Seiten 79 bis 85, 1. Auflage 1930

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